Affäre: Trifft es uns auch?
„Das passiert uns nicht.“
Das denken vermutlich die meisten Paare, wenn sie über das Thema Affäre sprechen. Affären haben die anderen. Die Paare, bei denen es sowieso schon lange nicht mehr läuft, die sich ständig streiten oder sich eigentlich gar nicht mehr lieben.
Bei uns ist das anders.
Oder?
Von zehn Paaren, die zu uns kommen, haben acht das Thema Affäre im Gepäck. Und 50 Prozent aller Paare, die länger als sieben Jahre zusammen sind und bei denen die Partner älter als 40 Jahre sind, haben dieses Thema wissentlich – oder noch unwissentlich – in ihrer Beziehung.
Das sind ziemlich viele „andere“.
Und genau deshalb sollten wir vielleicht aufhören zu glauben, dass eine Affäre nur bestimmten Beziehungen passiert.
Eine Affäre kommt heraus
Eine Affäre kommt heraus. Immer.
Vielleicht nicht heute und vielleicht nicht morgen. Aber eine Affäre lässt sich auf Dauer nicht einfach neben der eigenen Beziehung verstecken.
Und häufig beginnt das Auffliegen schon lange bevor die betrogene Person einen Chat liest, eine Nachricht findet oder einen anderen eindeutigen Beweis in den Händen hält. Denn meistens ist da vorher schon dieses Gefühl:
Irgendetwas stimmt hier nicht.
Vielleicht sprichst du deinen Partner oder deine Partnerin darauf an oder du beobachtest erst einmal. Du achtest plötzlich stärker darauf, wann das Handy mitgenommen wird, wann Nachrichten kommen oder ob sich etwas im Verhalten verändert hat.
Und dann beginnt häufig die Suche nach Beweisen.
Denn obwohl das eigene Bauchgefühl längst angesprungen ist, wird die Affäre für viele Menschen erst dann zur Realität, wenn sie tatsächlich etwas in der Hand haben. Eine Nachricht. Einen Chat. Irgendetwas, womit sich die untreue Person überführen lässt.
Dabei wusste die betrogene Person häufig schon vorher:
Da ist jemand anderes.
Aber warum sollte uns das passieren?
Genau hier wird es interessant. Denn kaum jemand zieht morgens los und denkt sich: Heute suche ich mir eine Affäre.
Eine Affäre entsteht anders.
Sie entsteht durch Kontakt und durch Gespräche. Und irgendwann vielleicht durch ein Gespräch mit einem anderen Menschen, das vom Inhalt eigentlich in die eigene Ehe gehört hätte.
Da ist plötzlich jemand, der zuhört. Der sich interessiert. Bei dem ich mich wichtig, richtig, interessant, gesehen und verstanden fühle.
Und möglicherweise fühlt sich genau das verdammt gut an.
Weil es ein Gefühl ist, das ich aus meiner eigenen Beziehung kenne – nur vielleicht schon ziemlich lange nicht mehr.
Eine Affäre beginnt nicht erst beim ersten Kuss
Genau deshalb lohnt es sich, viel früher hinzuschauen. Nicht erst dann, wenn zwei Menschen miteinander geschlafen haben oder der erste Kuss passiert ist, sondern dort, wo sich etwas zwischen zwei Menschen verändert.
Ein Gespräch wird persönlicher. Ich erzähle Dinge, die ich zu Hause schon lange nicht mehr erzähle. Ich freue mich darauf, die andere Person wiederzusehen, fühle mich verstanden und merke:
Hier bekomme ich gerade etwas, das mir unglaublich guttut.
Und während dieser neue Kontakt immer interessanter wird, sieht die Realität zu Hause vielleicht ganz anders aus.
Dort warten Alltag, Kinder, Arbeit, Haushalt und Verpflichtungen. Unser „Wir“ ist irgendwo dazwischen verloren gegangen. Wir funktionieren miteinander, bekommen unseren Alltag hin und haben vielleicht trotzdem schon lange vergessen, uns wirklich füreinander zu interessieren.
So wie es einmal ganz selbstverständlich war.
Und genau deshalb sind es eben nicht immer nur die anderen
Das bedeutet nicht, dass jede Beziehung, in der gerade wenig Paarzeit stattfindet, zwangsläufig mit einer Affäre endet.
Aber wir sollten ernst nehmen, wenn unsere Beziehung in Schieflage gerät.
Wenn du das Gefühl hast, dass ihr euch voneinander entfernt. Wenn alles andere wichtiger geworden ist als euer „Wir“. Wenn ihr euch seit Wochen keine ausreichende Zeit mehr für eure Ehe genommen habt.
Bei manchen Paaren sind aus diesen Wochen längst Monate oder sogar Jahre geworden.
Und trotzdem läuft der Alltag weiter. Kinder, Arbeit, Sport, Freunde, Familie, Termine – wir bekommen alles irgendwie organisiert.
Nur unsere Beziehung nicht mehr.
Dann ist eine Affäre eben nicht mehr nur etwas, das anderen Paaren passieren kann. Dann ist es eine Realität, die auch für eure Beziehung eintreten kann.
Wartet nicht darauf, dass eure Beziehung laut wird
Das Problem ist nämlich: Unsere Beziehung meldet sich nicht wie der Chef, wenn etwas liegen bleibt. Sie schickt uns auch keine Mahnung, wenn wir uns seit Monaten keine Zeit mehr füreinander genommen haben.
Sie trägt das erst einmal mit.
Und irgendwann sagt vielleicht einer von beiden:
„Wir machen gar nichts mehr zusammen.“
„Wir sind uns überhaupt nicht mehr körperlich nah.“
„Ich habe das Gefühl, alles andere ist wichtiger als wir.“
„Wir funktionieren nur noch.“
Und genau solche Sätze sollten wir ernst nehmen.
Denn häufig reagieren wir erst, wenn etwas wirklich weh tut. Wenn eine Trennung im Raum steht, wenn eine Affäre aufgeflogen ist oder wenn einer von beiden sagt, dass es so nicht mehr weitergeht.
Dann sind plötzlich beide bereit, Termine abzusagen, sich abends drei Stunden miteinander hinzusetzen und darüber zu sprechen, was eigentlich seit Jahren zwischen ihnen passiert.
Warum eigentlich erst dann?
Beziehung braucht Prophylaxe
Wir sprechen deshalb gerne von Prophylaxe.
Denn natürlich können wir nicht kontrollieren, was in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren unserer Beziehung passiert. Aber wir können unsere Beziehung ernst nehmen.
Wir können wahrnehmen, wenn wir uns voneinander entfernen. Wir können zuhören, wenn unser liebster Mensch sagt:
„Mir fehlt etwas mit dir.“
Und wir können anfangen hinzuschauen, bevor ein anderer Mensch diesen freien Platz einnimmt.
Das bedeutet nicht, dass die eigene Beziehung für eine spätere Affäre verantwortlich ist. Die Verantwortung dafür, eine Grenze zu überschreiten und eine Affäre zu führen, trägt immer die Person, die das tut.
Aber wir beide tragen Verantwortung dafür, wie wir unsere Beziehung miteinander führen.
Und diese Verantwortung beginnt nicht erst in einer Krise.
Nehmt euch ernst, solange es noch um euch beide geht
Wir erleben jeden Tag, wie aufwendig es ist, eine Affäre wirklich aufzuarbeiten. Das Gefühlschaos, die Eifersucht, das Kopfkino, das verlorene Vertrauen, die Frage nach dem Warum und irgendwann die große Aufgabe, herauszufinden, wie aus all dem überhaupt wieder eine gemeinsame Beziehung entstehen kann.
Deshalb wünschen wir uns manchmal, Paare würden früher zu uns kommen.
Dann, wenn einer sagt:
„Ich vermisse uns.“
Dann, wenn Sexualität und körperliche Nähe schon lange kaum noch stattfinden. Wenn alles andere im Leben einen festen Termin bekommt – nur die eigene Beziehung nicht.
Oder dann, wenn ihr merkt:
Wir lieben uns. Aber irgendwie verlieren wir uns gerade trotzdem.
Genau dann lohnt es sich, etwas zu verändern.
Nicht erst, wenn aus einer Paartherapie plötzlich eine Affärenaufarbeitung geworden ist.
Denn Paartherapie muss nicht bedeuten, dass eure Beziehung bereits kurz vor dem Ende steht. Sie kann auch bedeuten, dass ihr eure Beziehung wichtig genug nehmt, um eben nicht darauf zu warten.
Wenn ihr merkt, dass ihr euch voneinander entfernt habt und euer „Wir“ in eurem Alltag immer weniger stattfindet, meldet euch bei uns zur Paartherapie.
Solange unsere gemeinsame Arbeit noch darum gehen darf, eure Beziehung wieder in den Mittelpunkt zu holen – und nicht darum, eine Affäre aufzuarbeiten.
Deine Ina & Dein David


