Stell dir vor, du hast einen neuen Kollegen. Ihr versteht euch von Anfang an gut, arbeitet an gemeinsamen Projekten und merkt schnell, dass ihr auf einer Wellenlänge seid.
Irgendwann unterhaltet ihr euch nicht mehr nur über die Arbeit. Ihr erzählt euch von euren Wochenenden, euren Familien und vielleicht auch davon, was euch gerade beschäftigt. Du freust dich, wenn eine Nachricht von ihm kommt, und wenn ihr euch im Büro begegnet, bleibt ihr gerne noch ein bisschen länger stehen.
Eines Morgens ertappst du dich dabei, dass du überlegst, was du anziehst, weil du weißt, dass ihr euch heute sehen werdet.
Ist das schon eine Affäre? Natürlich nicht. Aber möglicherweise ist es der Anfang einer Entwicklung, die irgendwann eine Richtung nimmt, die du ursprünglich überhaupt nicht geplant hattest.
Denn viele Affären beginnen nicht mit der bewussten Entscheidung, fremdzugehen. Sie entwickeln sich schrittweise aus einem zunächst ganz normalen Kontakt.
Und genau deshalb gibt es schon viel früher Möglichkeiten, aktiv etwas zu verändern.
Warum Affären oft ganz harmlos beginnen
In unserer Arbeit als Paartherapeuten beschäftigen wir uns seit Jahren intensiv mit dem Thema Untreue. Etwa acht von zehn Paaren, die zu uns kommen, bringen dieses Thema mit in die Beratung.
Wenn wir mit den Menschen darüber sprechen, wie ihre Affäre entstanden ist, hören wir häufig ähnliche Geschichten. Da war ein Arbeitskollege, mit dem man sich besonders gut verstanden hat. Eine alte Bekanntschaft, die sich plötzlich wieder gemeldet hat. Jemand aus dem Freundeskreis oder ein Kontakt über den Verein.
Am Anfang war da vielleicht einfach nur Sympathie. Man hat miteinander gelacht, sich ausgetauscht und festgestellt, dass man viele Gemeinsamkeiten hat. Doch irgendwann verändert sich etwas.
Man erzählt der anderen Person Dinge, die man dem eigenen Partner schon lange nicht mehr erzählt hat. Man spricht über persönliche Wünsche, Enttäuschungen oder Schwierigkeiten in der eigenen Beziehung. Und vielleicht entsteht dabei das Gefühl, von diesem Menschen auf eine ganz besondere Weise verstanden zu werden.
Was zunächst eine schöne Bekanntschaft war, bekommt zunehmend eine emotionale Bedeutung. Man freut sich auf den nächsten Kontakt, sucht Gelegenheiten, sich wiederzusehen, und beginnt vielleicht sogar, bestimmte Nachrichten vor dem eigenen Partner zu verheimlichen.
Genau an diesem Punkt wird es wichtig, sich bewusst zu machen, welche Richtung dieser Kontakt gerade nimmt.
Was uns die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen über unsere Bedürfnisse verraten kann
Vielleicht seid ihr seit 15 Jahren zusammen, habt Kinder, arbeitet beide viel und euer Alltag ist ziemlich durchgetaktet. Morgens geht es darum, wer die Kinder zur Schule bringt. Abends besprecht ihr, was noch eingekauft werden muss und wer am Wochenende welchen Termin übernimmt.
Ihr funktioniert als Team. Aber für persönliche Gespräche, Zärtlichkeit oder gemeinsame Erlebnisse bleibt immer weniger Zeit.
Dann begegnet dir plötzlich jemand, der sich für dich interessiert, dir aufmerksam zuhört und dir Komplimente macht. Vielleicht fühlst du dich zum ersten Mal seit Langem wieder attraktiv, begehrenswert oder wirklich gesehen.
Und möglicherweise merkst du erst durch diesen Kontakt, wie sehr dir dieses Gefühl in deiner eigenen Beziehung gefehlt hat.
In unserer Arbeit erleben wir häufig, dass Menschen ihre Bedürfnisse selbst nicht richtig kennen oder über längere Zeit nicht ausgesprochen haben. Manche möchten ihren Partner nicht verletzen, andere fürchten einen Konflikt oder haben irgendwann aufgehört, Veränderungen anzusprechen, weil sie nicht mehr daran glauben.
Die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen kann dann besonders anziehend wirken.
Allerdings entstehen Affären nicht ausschließlich aus unerfüllten Bedürfnissen innerhalb einer Partnerschaft. Besonders die persönlichen Umstände, wie der Wunsch nach Bestätigung oder das Kommunizieren von Schwierigkeiten oder aktiv Grenzen einzuhalten, können eine relevante Rolle spielen.
Wichtig ist deshalb, zwischen den Gründen für eine Anziehung und der Entscheidung für eine Affäre zu unterscheiden.
Es ist menschlich, andere Menschen attraktiv zu finden oder sich über ihre Aufmerksamkeit zu freuen. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Denn die Verantwortung dafür, die vereinbarten Grenzen einer Beziehung einzuhalten, trägt jeder Mensch selbst.
Aktive Treue beginnt lange vor dem ersten Kuss
Erstaunlich viele Paare haben sich noch nie wirklich darüber unterhalten, wo für sie Fremdgehen überhaupt beginnt.
Ist es bereits problematisch, wenn du regelmäßig mit einem anderen Menschen schreibst? Wenn du dich heimlich auf einen Kaffee triffst? Wenn du mit jemandem über deine Beziehungsprobleme sprichst? Oder erst dann, wenn es zu körperlicher Nähe kommt?
Die Antworten darauf können sehr unterschiedlich ausfallen. Deshalb reicht es nicht immer aus, davon auszugehen, dass der eigene Partner schon dieselben Vorstellungen von Treue haben wird.
In unserer Arbeit mit Paaren und Einzelpersonen sprechen wir in diesem Zusammenhang von aktiver Treue. Diese legen wir gemeinsam fest.
Damit meinen wir, dass Treue nicht erst dann beginnt, wenn du in einer eindeutigen Situation einen Kuss oder Sex ablehnst. Sondern bereits dann, wenn du bemerkst, dass sich ein Kontakt verändert.
Vielleicht stellst du fest, dass du dich auf die Nachrichten eines bestimmten Menschen besonders freust, bewusst Situationen suchst, in denen ihr euch alleine begegnet, oder Dinge vor deinem Partner verheimlichst. Vielleicht bemerkst du auch, dass du dich emotional zunehmend diesem Menschen zuwendest, während du dich aus deiner eigenen Beziehung zurückziehst.
Das sind Momente, in denen du eine Entscheidung treffen kannst.
Du kannst den Kontakt wieder auf eine freundschaftliche oder berufliche Ebene begrenzen, klare Grenzen setzen und dich fragen, weshalb dir diese Verbindung gerade so wichtig geworden ist.
Vielleicht entdeckst du dabei Bedürfnisse, die du in deiner Beziehung schon lange nicht mehr angesprochen hast.
Aktive Treue bedeutet für uns deshalb auch, Verantwortung für die eigene Beziehung zu übernehmen, bevor Grenzen überschritten werden. Dies müssen manche Menschen erst gemeinsam durch unsere Arbeit erlernen.
Wenn du merkst, dass sich dein Partner verändert
Vielleicht liest du diesen Artikel gerade nicht, weil du dich selbst zu jemand anderem hingezogen fühlst, sondern weil du bemerkst, dass sich dein Partner verändert hat.
Er ist häufiger am Handy, bleibt länger bei der Arbeit oder hat plötzlich neue sportliche Interessen. Vielleicht ist er emotional weniger erreichbar, eure Gespräche werden oberflächlicher und du hast das Gefühl, dass er mit seinen Gedanken häufig woanders ist.
In unseren Beratungen hören wir von betrogenen Menschen immer wieder, dass sie solche Veränderungen schon sehr früh wahrgenommen haben. Oft konnten sie gar nicht genau benennen, was anders war. Sie hatten einfach das Gefühl, dass die Verbindung zu ihrem Partner anders geworden ist.
Natürlich bedeutet nicht jede Verhaltensänderung, dass eine Affäre dahintersteckt. Beruflicher Stress, persönliche Belastungen oder andere Veränderungen können ebenfalls dazu führen, dass sich Menschen zeitweise zurückziehen.
Trotzdem lohnt es sich, dieses Gefühl immer ernst zu nehmen. Da dies immer eine Möglichkeit darstellt, in den emotionalen Kontakt miteinander zu kommen.
Denn du musst nicht erst herausfinden, ob eine dritte Person im Spiel ist, um anzusprechen, dass dir etwas in eurer Beziehung fehlt.
Du könntest beispielsweise sagen:
„Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass wir uns voneinander entfernen. Du bist oft mit deinen Gedanken woanders nehme ich wahr und ich vermisse unsere Nähe. Wie geht es dir gerade?“
Vielleicht entsteht daraus ein Gespräch über Themen, die euch schon länger beschäftigen, über die ihr aber bisher nicht wirklich gesprochen habt.
Und möglicherweise ist genau dieses Gespräch der Anfang einer Veränderung, die eure Beziehung dringend gebraucht hat.
Warum wir uns wünschen, dass Paare viel früher zu uns kommen
Wir begleiten seit Jahren Menschen, die nach einer Affäre versuchen, ihre Beziehung wieder aufzubauen. Wir erleben, wie tief ein Vertrauensbruch verletzen kann, wie schwer es ist, wieder Sicherheit zu finden und wie viel Arbeit notwendig sein kann, damit zwei Menschen wieder Vertrauen zueinander entwickeln.
Natürlich können Paare auch nach einer Affäre wieder eine glücklichere Beziehung als vor der Affäre führen. Aber die Aufarbeitung gehört zu den anspruchsvollsten Prozessen, die wir in unserer paartherapeutischen Arbeit begleiten.
Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um die Themen, die möglicherweise schon vorher zwischen den Partnern standen. Hinzu kommen Verletzungen, Lügen, Eifersucht, Kopfkino und die Angst, erneut betrogen zu werden.
Manchmal sitzen Paare vor uns, die schon seit ein oder zwei Jahren versuchen, die Affäre alleine zu verarbeiten. Sie haben unzählige Gespräche geführt, bereits wo anders nach Unterstützung gesucht, sich immer wieder versprochen, nach vorne zu schauen, und trotzdem kommen sie nicht weiter.
Und dann hören wir manchmal einen Satz, der uns besonders nachdenklich macht:
„Eigentlich hätten wir eure Hilfe viel früher gebraucht.“
Vielleicht schon damals, als sie begonnen haben, sich voneinander zu entfernen. Als die Gespräche immer oberflächlicher wurden oder einer von beiden gemerkt hat, dass wichtige Bedürfnisse in der Beziehung keinen Platz mehr finden.
Denn viele Menschen wissen durchaus, dass etwas in ihrer Beziehung nicht stimmt. Sie wissen nur nicht, wie sie es verändern können.
Manche versuchen, ihre Unzufriedenheit zu ignorieren. Andere sprechen ihre Wünsche immer wieder an, erreichen ihren Partner damit aber nicht. Und irgendwann entsteht das Gefühl, dass sich ohnehin nichts mehr verändern lässt.
Dabei braucht es manchmal einen Blick von außen, um zu verstehen, weshalb es immer wieder an denselben Themen bei euch hakt.
Ihr müsst nicht warten, bis eine Affäre eure Beziehung erschüttert
Vielleicht merkst du gerade, dass du dich in deiner Beziehung nicht mehr richtig wohlfühlst. Dass dir emotionale oder körperliche Nähe fehlt, ihr euch kaum noch etwas zu erzählen habt oder du dich zunehmend zu einem anderen Menschen hingezogen fühlst.
Möglicherweise weißt du selbst nicht genau, was dir fehlt. Oder du hast Angst davor, deinem Partner ehrlich zu sagen, wie es dir geht.
Das sind Themen, mit denen du nicht alleine bleiben musst.
Wir begleiten dich auch in Einzelterminen dabei, deine Bedürfnisse besser zu verstehen, persönliche Herausforderungen zu bearbeiten und Klarheit darüber zu gewinnen, was du dir für deine Beziehung wünschst.
Wenn ihr beide etwas verändern möchtet, arbeiten wir gemeinsam mit euch als Paar. Wir schauen uns an, welche Dynamiken zwischen euch entstanden sind, weshalb bestimmte Gespräche immer wieder scheitern und was jeder von euch dazu beitragen kann, dass ihr euch wieder näherkommt.
Dabei geht es nicht darum, eine perfekte Beziehung zu führen oder jeden Konflikt zu vermeiden. Es geht darum, eure Beziehung bewusst zu gestalten, statt erst dann zu reagieren, wenn einer von euch bereits innerlich auf Abstand gegangen ist.
Eine Affäre lässt sich durch vieles verhindern. Entscheidend ist, dass jeder von euch Verantwortung für sein eigenes Verhalten übernimmt und ihr gleichzeitig eure Beziehung bewusst gestaltet, eure Bedürfnisse ernst nehmt und miteinander im Gespräch bleibt.
Genau deshalb haben wir uns auf diese Arbeit spezialisiert. Wir möchten Menschen nicht erst dann begleiten, wenn sie nach einem Vertrauensbruch kaum noch wissen, wie es weitergehen soll, sondern auch dann, wenn sie merken, dass etwas zwischen ihnen verloren geht oder sie persönlich vor einer schwierigen Entscheidung stehen.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst, dann warte nicht darauf, dass sich die Situation von alleine verändert.
Ob alleine oder gemeinsam als Paar: Wir unterstützen euch dabei, herauszufinden, was ihr braucht und wie ihr eure Beziehung wieder so gestalten könnt, dass ihr euch beide darin wohlfühlt.
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Deine Ina & Dein David


